Paul Fleming

 

(http://www.onlinekunst.de/kalender/zeit.html)

 

 

Wie er wolle geküsset seyn

 

Nirgends hin / als auff den Mund /

da sinckts in deß Hertzens Grund.

Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /

nicht mit gar zu fauler Zungen.

 

Nicht zu wenig / nicht zu viel!

Beydes wird sonst Kinder-spiel.

Nicht zu laut / und nicht zu leise /

Beyder Maß' ist rechte Weise.

 

Nicht zu nahe / nicht zu weit.

Diß macht Kummer / jenes Leid.

Nicht zu trucken / nicht zu feuchte /

wie Adonis Venus reichte.

 

Nicht zu harte / nicht zu weich.

Bald zugleich / bald nicht zugleich.

Nicht zu langsam / nicht zu schnelle.

Nicht ohn Unterscheid der Stelle.

 

Halb gebissen / halb gehaucht.

Halb die Lippen eingetaucht.

Nicht ohn Unterscheid der Zeiten.

Mehr alleine denn bei Leuten.

 

Küsse nun ein Jedermann /

wie er weiß / will / soll und kan.

Ich nur und die Liebste wissen /

wie wir uns recht sollen küssen.

 

 

Bey einer Leichen

 

Ein Dunst in reger Lufft;

Ein geschwindes Wetterleuchten;

Güsse / so den Grund nicht feuchten;

Ein Geschoß / der bald verpufft;

            Hall / der durch die Thäler rufft;

Stürme / so uns nichts seyn deuchten;

Pfeile / die den Zweck erreichten;

Eyß in einer warmen Grufft;

            Alle diese sind zwar rüchtig /

daß sie flüchtig seyn und nichtig;

Doch wie nichts Sie alle seyn /

            So ist doch / O Mensch / dein Leben /

mehr / als Sie / der Flucht ergeben.

Nichts ist alles. Du sein Schein.

 

 

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/fleming/gedichte/0htmldir.htm

 

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