WERNHER DER GARTENAERE - HELMBRECHT
LOKALISIERUNG
Ort des Geschehens ist den Ortsnamen nach das (zur Entstehungszeit bayrische) Innviertel bzw. der oberöaterreichischen Traungau. Helmbrechtshöfe gab es allerdings viele. Die Ortsnamen im Text können auch Topoi der Realitätsfiktion sein (Namen, die dem Zuhörerkreis bekannt waren). Indizien für den österreichischen Raum sind: Unterscheidung von Bauern- und Herrenessen; „scherge" im Sinne von „Henker" (Einteilung des Innviertels in verschiedene Schergämter); alle Texte, die auf Helmbrecht Bezug nehmen, verweisen auf den österreichischen Raum.
DER
DICHTER
Die Forschung vermutet:
a)
Die breite Klage über den Verfall des Ritterstandes könne nur von jemandem
verfasst worden sein, der sich, wenn auch nicht selber zum Adel gehörig, dessen
Interessenslage zu eigen gemacht hatte.
b)
Der Dichter war ein Fahrender; (Lebenssituation in den Versen 839ff und 848ff.)
„Der Gartenaere": die sinnbildliche Gleichsetzung von Dichtkunst und
Garten ist zu dieser Zeit nicht ungeläufig(also: ein Fahrender im Garten der
Dichtkunst).
c) Der Dichter war ein Geistlicher; das auf der Beherrschung der rhetorischen Mittel beruhende manipulative Geschick, die interessensgerichtete Darstellung als einzig mögliche zu präsentieren, konnte damals nur im Rahmen einer geistlichen Ausbildung erworben werden; vereinbar mit der Fahrenden-These.
DATIERUNG
Vers 217f nennt Neidhart v. Reuenthal als Verstorbenen, dessen letztes Gedicht ins Jahr 1237 fällt. Das 26. Stück von Seifried Helbling setzt Helmbrecht voraus und ist auf die neunziger Jahre des 13. Jahrhunderts zu datieren.
INTERPETATION
Im
Gegensatz zur zeitgenössischen Dichtung, die die Auflösung des tradierten
Wertekanons mit Zynismus oder Indifferenz gegenüber einst hohen Idealen eifrig
betreibt, wird hier in einem konsistent gehaltenen Ethos unbeirrbar der
Weg zu einer alten Ordnungswelt beschritten.
Ein
Netz von Symbolen und leitmotivischen Vorausdeutungen überspannt die Erzählung
so, dass die gesamte Handlung wie determiniert erscheint und wie mit
Notwendigkeit auf ihr Ende, den Tod des Protagonisten zusteuert. Was am Ende
eintritt, ist in allen Einzelheiten nichts anderes, als was schon zu Beginn
angedeutet worden war.
Zur
Funktion der Haube: Sie steht nicht nur im ironischen Kontrast zu ihrem Träger,
dem bäurischen Draufgänger, sie ist gleich zu Beginn ein höchst
wirkungsvolles Symbol für die Usurpation ritterlicher Lebensweise inklusive
deren Statussymbole und adeliger Privilegien durch den reich gewordenen Bauern.
Diese Bedeutung wird durch die Schilderung des langen blonden Haares und der
angeberischen Kleidung verstärkt. Solche Schilderungen sind in der Literatur
eher Karikatur als Realitätswiedergabe; sie sollen den Bauern verspotten wegen
seiner tölpelhaften und völlig unangemessenen Sucht, die Pracht der Höheren
nachzuahmen. Der Verweis auf die Kleidung nimmt Bezug auf die Stereotype der
idealistischen Ritterdichtung: hier gilt das bevorzugte Äußere als
Ausdruck adeliger Geburt und edler Anlage, ein Vorzug, der soziale
Privilegierung sowohl konstituieren als auch repräsentieren hilft. Beim jungen
Helmbrecht allerdings dient diese behauptete Koinzidenz zur Legitimation des
Anspruchs auf sozialen Aufstieg. Das provozierende Symbol usurpierten
Rittertums, zu Beginn Inbegriff des Aufstiegswillens und der Anmaßung des
jungen Helmbrecht, dokumentiert am wenig glanzvollen Ende in bitterer Ironie das
furchtbare Ergebnis dieses arroganten Übermuts: die Rache einer scheinbar überirdischen
Gerechtigkeit an dem, der diese Ordnung zu stören versuchte, die nach Ansicht
des Autors nur als göttliche und ewige gesehen werden darf.
Alle
Fäden der Handlung, sämtliche wiederkehrende Motive sind so angelegt, dass sie
mit Notwendigkeit auf den Untergang zusteuern und diesen so erscheinen lassen,
dass alle höheren überirdischen Instanzen an der Bestrafung des Übermütigen
mitwirken.
Durch
den Text zieht sich ein doppelter Kursus: der zweimalige Auszug und die
zweimalige Rückkehr des jungen Helmbrecht. So werden die Ereignisse in ihren
Hauptzügen verdoppelt und verdeutlichen die rigorose Moral des Autors,
der seinen Text zum Werkzeug reaktionärer Disziplinierung macht. Für
ihn ist der Wunsch des als Bauer Geborenen nach einem besseren Leben illegitim,
für ihn ist sozialer Aufstieg untrennbar mit Unrecht verbunden. Die Art, wie er
die Karriere des jungen Helmbrecht schildert, ist eine konsequente
Kriminalisierung des Aufstiegswillens. Da alle Abgrenzungen des oberen
Standes gegen den unteren, wie kultivierte Manieren, elegantes Äußeres,
Bildung und Wissen den Emporkömmling nicht abschrecken, muss grundsätzlich das
Widernatürliche seines Vorhabens betont werden. So ist Wernhers Erzählung
nicht nur als eine Wendung gegen das Raubritterwesen, gegen einzelne Missstände
einer chaotischen Zeit zu verstehen, sondern als Parteinahme gegen eine Änderung
der bestehenden Verhältnisse, konkret gegen Versuche von Teilen der Bauernschaft, sich ritterliche Standards
anzueignen. Die Schuld für die allgemeine Rechtsunsicherheit durch das
Raubrittertum wird ungerechtfertigterweise einem einzelnen Emporkömmling
zugeschoben.
Die
Scheidung der Menschen in Adelige und Nichtadelige ist seit dem 13. Jahrhundert
keine unangreifbare Gegebenheit mehr. Die Lage der Bauern hat sich gegenüber
früheren Jahrhunderten geändert. In einer Zeit weitgehender Desorganisation
des feudalen Gefüges gelang es speziell den Meiern, den Druck feudaler Abhängigkeit
durch Ansammeln von Besitz zu lindern und sich zu einer freieren Position
emporzuarbeiten. Sie, die ursprünglich meistens leibeigene Verwalter der Güter
waren, leiten diese nun in eigener Regie und setzen die Abgaben selbst fest; sie
machen ihre Position auch erblich und werden zum Teil Ministeriale mit Ritterwürde.
In
der Erzählung sehen wir: Die Erblichkeit ist schon selbstverständlich; die
Regelmäßigkeit, mit der der Alte seine Abgaben leistet, ist auffällig betont,
so als wäre das schon nicht mehr selbstverständlich; außerdem ist der Meier
in der Lage, einen teuren Hengst und ebensolche Kleidung zu kaufen; auch verfügt
er über Einkünfte von Hintersassen, durch die er reicher ist als mancher
Adelige.
Vor
dem Hintergrund der sozialen Umschichtung wird die Vehemenz begreiflich, mit der
Wernher die alte feudale Ordnung beschwört. Der Appell an die Bewahrung der
familiären Ordnung, an die demütige Unterordnung der Kinder, resultiert aus
dem Entsetzen über die reale, von Wernher als heillos und katastrophal
empfundene Zeitsituation. Im Text kommen die Erfahrungen einer Schicht, die
ritterlichen Kämpfen stets wehrlos ausgesetzt war und in ihnen Unrecht und
Grausamkeit zu spüren bekam, eindringlich zur Geltung.
© Andreas Deschka (zusammengestellt nach: Mittelalterliche Texte im Unterricht, hg. von H. Brackert, H. Christ, H. Holzschuh. Beck 1973)
Einen sehr informativen Ergänzungstext "Das Leben der Landbevölkerung im Mittelalter" findest du auf www.eckhart.de/index.htm?bauer.htm !