| eLSA-THINK-TANK mit Etienne Wenger am
1.9.2010 in Neufeld am See: "Communities of Practice in
Education" - Das Jahrhundert der
Identitätssuche
Ein Zusammenspiel von terminlichen
Zufällen ermöglichte, einen international führenden Denker für
einen Workshop im Rahmen des eLSA Sommer-Think-Tanks, Etienne Wenger
(USA), zu gewinnen. Er betrachtet Lernen als "fundamental
sozialen Akt". Würden wir für diesen Termin mitten in den
Ferien, und noch dazu so kurzfristig angesagt, genügend Lehrer/innen
zu einer Teilnahme mobilisieren können? Das eLSA-Team wollte
es probieren und wurde überrascht: Über 70 Teilnehmer/innen kamen
am 1. September an den Neufeldersee um mit Etienne Wenger zu
diskutieren.
„Das Jahrhundert der Identitätssuche“
Was können Lehrer/innen für ihre
Schüler/innen im 21. Jahrhundert tun?
Wengers soziale Lerntheorie, seine
praktischen Anregungen, wie man das Entstehen von Communities of
Practice fördern kann und was das für den Bildungsbereich bedeuten
könnte wurden sowohl im Vortragsteil als auch im anschließenden
World Café unter intensiver Beteiligung aller Teilnehmer/innen
diskutiert.
Im Grunde seines Herzens ist er
Lerntheoretiker und nicht "Verkäufer von Communities of
Practice". Zentraler Aspekt seiner Theorie ist die
Identitätssuche (1) . Jeder Mensch muss im Laufe seines Lebens immer
wieder entscheiden, in welche CoP er seine „Identität investiere“.
Nicht nur Beruf bzw. Handwerk zählen
dazu: auch Weinliebhaber, Streetgangs etc..sind CoPs. Auch mit seinen
58 Jahren ist er immer noch auf dieser Suche: Wer bin ich? Im Verlauf
der Menschheits-geschichte wurde die Verantwortung für die
Identitätsfindung zunehmend von der Gesellschaft auf das Individuum
übertragen.
„Das 21. Jahrhundert ist das
Jahrhundert der Identität“.
In der post-industriellen und global
vernetzten Gesellschaft steht das Individuum vor einer Vielzahl von
CoPs, in die es hineinwachsen könnte. Die Bildungssysteme mit
vorgegebenem Curriculum hatten im industriellen Zeitalter ihre
Berechtigung, im 21. Jahrhundert bieten sie wenig für die
Identitätssuche von Heranwachsenden. (Wenger arbeitet an einem
solchen „Curriculum des 21. Jahrhunderts“ und möchte in ca. 5
Jahren damit herauskommen.) Was können Lehrer/innen für ihre
Schüler/innen im 21. Jahrhundert tun? Ihnen Fenster in faszinierende
Welten aufstoßen und sie bei ihrer Suche nach Identität persönlich
begleiten, meint Wenger. Er hat sich erst dann für Mathematik zu
interessieren begonnen, als ihn sein Lehrer einmal persönlich zur
Seite nahm und ihm erzählte, warum er selber die Mathematik so
liebe.
„You see, the problem with
Communities of Practice: it depends on people“.
Seine Arbeit, die auch praktische
Anregungen für das Kultivieren von CoPs enthält (2), wird oft
missverstanden. „We opened a CoP, now we have to populate it. How
can we do that?“. Das wäre so als würde man zuerst einen
Ehevertrag schließen und erst dann die passenden Eheleute suchen.
Zuallererst müssen sich Menschen, die vor ähnlichen
Herausforderungen stehen, als mögliche Lernpartner erkennen. Dann
können sich diese schrittweise auf eine Lernpartnerschaft einlassen
und gegebenenfalls weitere Teilhaber einladen.
Niemand kann für andere Menschen CoPs
„einberufen“, man kann das nur für sich selber tun.
Funktionierende Lernpartnerschaften sind wunderbare Orte, daher ist
es legitim, die theoretischen Erkenntnisse für das Schaffen von
förderlichen Bedingungen von CoPs in Organisationen zu nutzen. Ein
sicheres Grundrezept gibt es aber nicht. Hätte er das, bräuchte er
nicht mehr weiterzuforschen.
“Technology has fundamentally changed
how we can be together”
Als Wenger zusammen mit Jean Lave
Anfang der 90er Jahre begann, die Theorie der Communities of Practice
zu entwicklen, war das Internet noch nicht am Horizont. Die rasanten
Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie
waren sowohl Bestätigung als auch Herausforderung für seine Arbeit
aufgrund der gegenseitigen Wechselwirkung von CoPs → IKT und IKT →
CoPs.
Hatte er vor ca. 10 Jahren noch
versucht, konkrete Tools in ihrer Wirksamkeit für CoPs zu erfassen,
beschränkt er sich in seinem letzten Buch „Digital Habitats“
darauf, bestimmte Typen von Technologien zu erfassen und nur in
Ausnahmefällen spezielle Software namentlich zu nennen. Interessant
ist die Beschreibung eines neuen Berufsfeldes, der „Technology
Stewards“: Jemand der genug von einer Community of Practice
versteht, um deren Bedürfnisse zu kennen, und genug von Technologie
versteht, um die Habitate von Communities an deren Bedürfnisse
anzupassen.
Für Lehrer/innen bedeuten die
Veränderungen der letzten Jahre vor allem, dass völlig andere,
globale Wege des kollegialen Austausch offen stehen und auch weltweit
intensiv genutzt werden .
Auch wenn IKT eine wesentlich Rolle
spielt, so hängt die Existenz einer CoP in noch stärkerem Maße von
einer anderen Art von Menschen ab: den sogenannten "Social
Artists". Die könne auch Wenger beim besten Willen nicht
ausbilden.
(1) Wenger, Etienne (1998) Communities
of practice: learning, meaning, and identity. Cambridge University
Press. (2) Wenger, Etienne, McDermott, Richard, and Snyder, William
(2002) Cultivating communities of practice: a guide to managing
knowledge. Harvard Business School Press. (3) Wenger, White, Smith
(2009) Digital Habitats: stewarding technology for communities.
CPsquare
World-Cafe-Themen:
Erwartungen – Warum sind CoPs so
populär?
Einfluss/Macht – Wie können CoPs
eine Organisation beeinflussen?
Personalentwicklung und
ProfessionelleLernGemeinschaften (PLGs) – Kann man CoPs als
Instrument für Personalentwicklung verwenden, Zusammenhang CoPs-PLGs
Freiwilligkeit vs. Verpflichtung –
Wie bringe ich Menschen dazu, sich zu engagieren?
Get started – Wie eine CoP beginnen?
Keep Going – Wie durchhalten?
Informationstechnologie als Barriere –
Wie kann man Lehrer ohne IT-Kenntnisse integrieren?
Klima – Welches Klima begünstigt die
Entstehung von CoPs?
Werkzeuge für CoPs – Welche
Werkzeuge verwenden?
Hier sind der Vortrag, die Diskussion
und das Interview sowie die verwendeten Folien nachzuhören,
downzuloaden usw.....:
>> http://podcampus.phwien.ac.at/2010/09/03/e-wenger-knowledge-is-a-landscape-of-practice/
Auf kreativinnovativ2020
(Österreichische Community Plattform für BildungsinnovatorInnen zum
Thema "Wie kommt das Neue ins System?") wurde für diesen
Workshop eine Gruppe eingerichtet:
Die Gruppe heißt "Communities
(CoPs) in Education", über folgenden Einladungslink werden Sie
Mitglied der Plattform und können einsteigen:
>> http://kreativinnovativ2020.ning.com/?xgi=5zUNDNIbuHO3QT
Sie finden dort auch weiterführende
Materialien und Buchhinweise.
Fotos von der Veranstaltung finden Sie
in der eLSA-Galerie:
>> http://picasaweb.google.at/elsa.schule/EtienneWengerWorkshop
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